Sie sind islamistische Terroristen und mutmaßliche Attentäter, Salafisten und Dschihadisten, Hassprediger und religiöse Fanatiker, Syrien-Heimkehrer und gefährliche Männer, deren Lebensläufe eine beklemmende Gemeinsamkeit aufweisen: Ihre Wege haben sich in Essen gekreuzt, genauer gesagt in der Assalam-Moschee in der Altenessener Straße 6.

Eigentlich bringt der Normalbürger die Ruhrmetropole nicht auf Anhieb mit dem islamistischen Terrornetzwerk in Verbindung. Aber diejenigen, die sich im Sicherheitsapparat professionell mit dieser diskret operierenden Szene befassen, sind keinesfalls überrascht, dass der lange Arm der Gotteskrieger bis ins Herz des Ruhrgebiets reicht. "Essen", schlägt ein Ermittler Alarm, "ist sogar eine Hochburg des islamistischen Terrorismus, er ist hier tief verwurzelt." Und dann fügt er einen dramatischen Satz hinzu, der nach dem Pariser Massaker so oft gefallen ist: "Wir sind im Krieg." Nur: Zu dieser beklemmenden Erkenntnis ist der Fahnder weit vor den barbarischen Pariser Terroranschlägen gelangt.

"Lies!"-Stände: die "harmlosen" Koranverteiler

Der religiöse Salafismus tritt in Essen scheinbar harmlos auf. Die Männer, die an dem umstrittenen "Lies"-Stand auf der Kettwiger Straße kostenlos den Koran verteilen, geben sich als fromme Glaubensbrüder. Dabei hat derjenige, der den Stand seit Jahren anmeldet, ein Tschetschene aus Niedersachsen, offenbar ganz anderes im Sinn. Nach Informationen dieser Zeitung hat er Geld für den Dschihad gesammelt. Die Koranverteiler stehen im Verdacht, junge Muslime für den Terror zu rekrutieren.

Silvio K.: Vom Mitläufer zum Terroristen

"Wie Silvio K. aus Essen vom Mitläufer zum Isis-Terroristen wurde" überschrieb diese Zeitung das Porträt eines Salafisten, der als "klein, schmächtig und blass" beschrieben wird und im Juli 2014 als Sprachrohr des Islamischen Staates mit Anschlägen in Deutschland drohte. Gewohnt hat er am Gerlingplatz, im Fenster hing ein Banner der verbotenen Salafisten-Organisation "Millatu Ibrahim" - und auch Silvio K. war, bevor er sich nach Nahost absetzte, Stammgast in der Assalam-Moschee. Fahnder nennen ihn eine "tickende Zeitbombe".

Terrorprozess: Tayfun S. ist in Frillendorf aufgewachsen

Der türkischstämmige Essener Tayfun S. (25) muss sich seit September 2014 in Düsseldorf in einem Staatsschutz-Prozess für das am 13. März 2013 geplante Attentat auf Markus Beisicht, den Vorsitzender der rechtsextremen Partei Pro NRW, verantworten. Mit ihm auf der Anklagebank im Hochsicherheits-Gerichtssaal sitzen der Konvertit Marco G. (28), der Kosovo-Albaner Enea B. (45) und der Deutsch-Türke Koray D. (26). Die Anklage wirft dem Quartett ferner vor, im Dezember 2012 einen Rohrbomben-Anschlag auf den Bonner Hauptbahnhof geplant zu haben. Alle vier hüllen sich in Schweigen, alle vier sind sich in Essen begegnet.

Den Salafisten Tayfun S., aufgewachsen am Zehnthof in Frillendorf, haben die Fahnder schon seit Jahren im Visier. Nach dem Hauptschulabschluss auf der Frida-Levy-Gesamtschule landete er auf dem Berufskolleg - und brach ab. Auch als Zivildienstleistender in einem Kupferdreher Pflegeheim der Stadttochter GSE versagte er nach kurzer Zeit. Einige beschrieben ihn als "freundlich" und "sehr nett", aber die Leiterin gab zu Protokoll, dass er "unpünktlich" und "unzuverlässig" gewesen sei. Mehr noch: Er sei mit langem Bart und Gewand zum Dienst erschienen, habe versucht, Mitarbeiter zu missionieren und darauf bestanden, während der Arbeitszeit fünfmal zu beten. "Hinweise auf Verbindungen zum Salafismus gab's damals allerdings nicht", betont GSE-Geschäftsführer Heribert Piel.

Tayfun S. soll Schlüssel der Assalam-Moschee besessen haben

Wann und wie mag sich Tayfun S. radikalisiert haben? Fest steht, dass der damals 19-Jährige schon 2009 vom Bundeskriminalamt wegen eines Dschihad-Videos vernommen wurde. Im Jahr vor der Festnahme besuchte er beinahe täglich Gebetsstätten im Ruhrgebiet, darunter auch: die Assalam-Moschee. Pikant: Tayfun S. soll sogar einen Schlüssel zu dieser Moschee besessen haben.

Sein Mitangeklagter Koray D., der auf dem Gymnasium eine Klasse übersprungen hatte, gehörte 2011 dem Sportschützenverein "Snipers Essen" an. Von der Bremer Polizei hatte er bereits für Oktober 2011 eine Jobzusage, da beantragte der Duisburger einen Waffenschein für eine Neun-Millimeter-Pistole. Und machte sich so verdächtig. Denn: Warum braucht ein angehender Polizist obendrein noch eine private Waffe?

Die Polizei durchsuchte daraufhin seine Wohnung und fand jede Menge islamistisches Propagandamaterial. Mehr noch: Wie sich herausstellte, hatte D. engere Kontakte zu den Salafisten-Predigern Pierre Vogel und Sven Lau sowie zur Essener Dschihadisten-Szene. Seine Polizeikarriere war beendet, ehe sie begonnen hatte.

Heimgekehrte IS-Kämpfer leben unauffällig in Essen

Silvio K., Miqdad, die vier Angeklagten vom Düsseldorfer Terrorprozess - das sind die spektakulärsten Fälle. Doch darunter vernehmen die Sicherheitskräfte ein beängstigendes Grundrauschen in Essen. Da sind die heimgekehrten IS-Terroristen, die jetzt unauffällig in dieser Stadt leben. Von einer dschihadistisch unterwanderten Tschetschenen-Szene ist die Rede, die für ein "Kaukasisches Emirat" kämpft, und von salafistischen Hasspredigern, die in Essener Moscheen zu Gast sind. Und es gibt unglaubliche Zufälle: So stießen Fahnder in der Habe des New Yorker Terrorpiloten Mohammed Atta auf eine Visitenkarte aus Essen. Sie gehörte einem Mitbegründer der Abu-Bakr-Moschee . Zu einem Tummelplatz für Salafisten entwickeln sich zunehmend die sozialen Netzwerke. Mohammad S., ein junger Essener, nennt sich auf Facebook zum Beispiel offen "Kuffr-Killer". "Kuffar" sind Ungläubige.

Was auffällt: Die radikalisierten Akteure sind selten zugewandert, sondern in Essen aufgewachsen und hier zur Schule gegangen. Ein Fundamentalismus, der in dieser Stadt reichlich Nährboden findet.